„Sich der historischen Verantwortung zu stellen heißt eben auch, sich kritisch mit der Geschichte des eigenen Ortes auseinanderzusetzen und etwa auch die Namen von Straßen und Plätzen zu hinterfragen, ob sie vor dem eigenen Anspruch standhalten – auch wenn es einem vielleicht unangenehm sein mag“, so Heiko Langanke, Mitglied der DIE LINKE. Bezirksfraktion Harburg. Das ist das Fazit nach der nicht-öffentlichen Sitzung des Kulturausschusses, in dem der Kolonialismus Thema war. Und in der Tat gab und gibt es einiges in Harburgs Geschichte, was damit in engem Zusammenhang steht. Deshalb kam auf Antrag der DIE LINKE. Bezirksfraktion Kim Todzi von der Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe / Hamburg und die frühe Globalisierung“ per Video in die vergangene Sitzung des Kulturausschusses, um über Aspekte und Erkenntnisse der Harburger Geschichte im Zusammenhang mit dem deutschen Kolonialismus zu referieren. „Schade, dass die per Videoschaltung abgehaltene Sitzung aufgrund der rechtlichen Lage nicht öffentlich war“, so Heiko Langanke. „Es war ein gutes Lehrstück zur Geschichte unseres Bezirks.“

Denn Kim Todzi konnte so einiges über die Geschichte Harburgs berichten: Allein, dass 1839 die erste englische Dampfmaschine in Harburg und nicht in Hamburg aufgestellt wurde. Aber auch, dass der Unternehmer Gottlieb Leonhard Gaiser, nach dem die Harburger Gaiserstraße noch immer unkommentiert benannt ist, ein Verfahren zur Verarbeitung von Palmkernen zur Ölgewinnung entwickelte, das mit dazu führte, dass Harburg zeitweise zu 80% die Ausfuhren der Palmkerne aus Westafrika bestimmte. Nach Liverpool habe Harburg den zweitgrößten Markt gehabt, so Todzi.

Und infolgedessen, so Todzi, seien es auch und vor allem aufstrebende Unternehmer gewesen, die auf eigene deutsche Kolonien drängten. Eine geschichtliche Entwicklung, die nicht nur seinerzeit Harburgs Entwicklung mit der Kautschuk und Öl verarbeitenden Industrie wie Hobum, New-York Hamburger Gummi-Waaren und Phoenix entscheidend prägte, sondern bis heute anhält.

Auch wissenschaftlich gibt es seitens der Forschungsstelle daran ein großes Interesse, wie Todzi ausführte. Allerdings sei ein Antrag auf Bundesebene auf Forschungsgelder dafür erst einmal ins Leere gelaufen.

„Die Geschichte reicht bis in die Gegenwart. Und sie sollte unbedingt aufgearbeitet werden“, fordert Heiko Langanke. „Zumal in Hamburg mit dem digitalen Archiv der schon 1844 gegründeten Tageszeitung „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ eine zeitgeschichtliche Quelle verfügbar ist. Sie kann ganz wesentlich Aufschluss geben, welche Bestrebungen dazu führten, dass der Drang nach deutschen Kolonien derart stark wurde, dass er letztlich zum Ersten Weltkrieg führte.“ Man werde am Thema dranbleiben, das zumindest steht fest für die Fraktion DIE LINKE.

Last modified: 10. Februar 2021
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